13. April 2018 WM

Den Klimawandel stoppen - ohne Krieg!

Auch die meisten wirtschaftsstarken, europäischen Nationen werden bis Mitte des nächsten Jahrzehnts ihre Rüstungsausgaben etwa verdoppeln. Unvorstellbare Wirtschaftsleistung wird hier in einen Wirtschaftsbereich geleitet, der in letzter Konsequenz der Zerstörung dienen wird. Als sicher kann es angesehen werden, dass diese Wirtschaftsleitungen nicht dazu beitragen werden, den Klimawandel zu stoppen.

Um den Klimawandel zu stoppen ist es erforderlich, im laufenden Jahrhundert den Anstieg der globalen, mittleren Temperatur auf 2°C zu begrenzen. Besser wäre es, diesen Anstieg auf 1,5°C zu begrenzen. Peanuts, die aber nicht so einfach umzusetzen sind.

Würde man den US-amerikanischen Präsidenten Trump fragen, was er vom Klimawandel hält, würde er antworten: Der Klimawandel ist eine Erfindung der Chinesen, um der US-amerikanischen Wirtschaft zu schaden. Aber da liegt er falsch. Die Wissenschaft vom Klimawandel ist etwa 200 Jahre alt.

Mit seinem Aufsatz: „Die Temperatur des Erdballs und des planetaren Raums“ von 1824 gilt der Franzose Jean Baptiste Joseph Fourier – Mathematiker, Archäologe uns Physiker – als Begründer der Klimaforschung. Gut 30 Jahre später untermauert der irische Physiker und Eiszeitforscher John Tyndall die Entdeckung Fouriers und kann nachweisen, dass Kohlendioxyd, Wasserdampf und Ozon in der gasförmigen Hülle rund um unseren Planeten die von der Erde abgestrahlte Wärme zurückwerfen. Dem Kohlendioxyd gelingt dies besonders gut, obwohl das Spurengas nur in kleinster Konzentration vorkommt. Tyndall erkennt mit visionärer Klarheit, dass sich mit der Zusammensetzung der Atmosphäre auch unser Klima ändern kann.

1896 veröffentlicht der schwedische Mathematiker, Physiker, Chemiker, Meteorologe und Kosmologe Arrhenius aus Uppsala in Schweden in der britischen Philosophie- und Wissenschaftszeitschrift einen Essay: Über den Einfluss von Kohlendioxyd in der Luft auf die Temperatur am Boden. Arrhenius legt darin erste Modellrechnungen vor und ermittelt konkrete Temperatursprünge, je nach Anstieg der Kohlendioxydkonzentration in der Luft. Bei einer Verdoppelung des CO2-Levels erwartet er eine Erwärmung von 4 bis 6 Grad – ein erstaunlich präziser Wert. Aktuellen Berechnungen zufolge sind es ca. 3 Grad.

Arrhenius bleibt lange unverstanden. 1938 spricht Guy Callendar vor der königlichen meteorologischen Vereinigung in London über Klima und Kohlendioxyd. In Temperaturaufzeichnungen hat er einen signifikanten Erwärmungstrend entdeckt und benennt als Ursache die Kohlendioxydkonzentration in der Atmosphäre. Die Meteorologen ihrer Majestät sind skeptisch.

1956 veröffentlicht der kanadische Physiker Gilbert Plass seine Kohlendioxydtheorie des Klimawandels. Der US-Amerikaner, Charles David Keeling, Doktorand am Institut für Ozeanographie im amerikanischen San Diego, errichtet 1956 seine CO2-Meßstation weit weg von industriellen Schmutzwelten am Berg Mauna Loa auf Hawaii in 3.397 m Höhe.

Hier, fernab von den Zudringlichkeiten der Zivilisation hat Keeling den optimalen, emissionsfreien Ort gefunden. Mit seinem selbst gebastelten Gerät gelingen ihm ab 1957 erste präzise Messungen von Kohlendioxyd in der Atmosphäre. Es ist der Startschuss für die bedeutendste Umweltdatenreihe des 20.Jahrhunderts. Klar erkennbar ist im Jahresverlauf das Schwingen der CO2-Werte. In der Vegetationsperiode ist der Wert niedrig, im Winter ist er hoch. 1957 schwingt der Wert um einen Mittelwert von 315 ppm. Über die Jahrzehnte steigt der Mittelwert an. 2014 übersteigt er erstmalig den Wert von 400 ppm.

Im November 1965 erfährt der damalige US-Präsident Lynden B. Johnson erstmals von seinen wissenschaftlichen Beratern, welche Gefahren der ungebremste CO2-Ausstoß birgt. In bemerkenswerter Hellsichtigkeit warnt der Revelle-Report, der erste offizielle Klimabericht an die US-Regierung, vor einer unkontrollierten Erderwärmung und dem Abschmelzen der Polkappen. Der Mensch, heißt es in diesem Dokument, hat unwissentlich ein ungeheures geophysikalisches Experiment in Gang gesetzt. Es folgen in den 70er und 80er Jahren zahlreiche Klimakonferenzen und 1988 konstituiert sich auf internationalem Terrain der Weltklimarat, IPCC. 1990 erscheint der erste Sachstandsbericht.

Es folgen unter anderem der Klimagipfel 1992 in Rio, 1997 der Klimagipfel von Kioto, der verbindliche Zielwerte vorgibt und in besonderer Erinnerung sind die Klimagipfel von Kopenhagen und Paris. Ist Kioto wirklich „das Papier nicht wert, auf dem die Reduktionsziele stehen“ wie der mittlerweile verstorbene SPD-Solarpionier Hermann Scheer einst wetterte?

Im Basisjahr 1990 wurden 22 Mrd. Tonnen CO2 in die Atmosphäre geblasen, heute sind es trotz Kioto 36 Mrd. Tonnen CO2.

Aber die Physik nimmt keine Rücksicht auf Ignoranz. Ein Motorradfahrer, der mit überhöhter Geschwindigkeit in die Kurve fährt, wird aus der Kurve geschleudert. Solange der Motorradfahrer auf die Kurve zufährt, hat er die Chance die Geschwindigkeit zu reduzieren, um heil durch die Kurve zu kommen. Hat er jedoch einen bestimmten Punkt überschritten, die Klimaforscher sprechen von einem Kipppunkt, kann er die Entwicklungen nicht mehr beeinflussen. Die Physik arbeitet nach ihren Regeln.

Bis zum Jahr 2100 ist ein Meeresspiegelanstieg durch den Klimawandel bis zu einem Meter prognostiziert.

Die großen Eismassen in der Arktis und auf der Insel Grönland erscheinen mittlerweile weniger stabil als bisher angenommen. Die Wissenschaftler wissen nicht genau ab welchem globalen Temperaturanstieg der Eispanzer auf Grönland ins Rutschen kommt. Die Schätzungen liegen bei 1 bis 4 Grad. Man muss davon ausgehen, dass er schon bei 1 Grad globalem Temperaturanstieg ins Rutschen kommt. Für das Abschmelzen allein des Grönlandeises würde dies einen globalen Anstieg des Meeresspiegels von 7 Metern bedeuten. Die Eismassen reagieren langsam, aber unaufhaltsam. Die Folgen für unsere Küsten wären unabsehbar.

Dass dieses Szenario nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, zeigen die Entwicklungen in der Arktis. Wir haben bereits die Hälfte der Sommereisdecke verloren. Dadurch fehlt auf großen arktischen Flächen der die Sonne reflektierende weiße Eispanzer. Das Wasser ohne Eisbedeckung nimmt die Sonnenwärmestrahlung besser auf. Die Arktis erwärmt sich. In der Arktis steigt die Temperatur in den letzten Jahrzehnten dreimal so schnell.

Ein globaler Temperaturanstieg auf der Erde von 1 – 2 Grad erscheint lächerlich. Aber zwischen der kältesten Eiszeit in der Erdgeschichte und der heutigen Warmzeit liegt lediglich eine globale mittlere Temperaturdifferenz von 5 Grad. Man erwartet eher 20 Grad oder 30 Grad. Von der letzten Eiszeit gab es über einen Zeitraum von 5.000 Jahren einen globalen mittleren Temperaturanstieg von 5 Grad. In der letzten Eiszeit waren die Wasser speichernden Eismassen so gewaltig, dass der Meeresspiegel um 120 m niedriger lag als heute. In Berlin und Potsdam sehen wir noch die Endmoränen der Vereisung. Oder auch hier am Weser-Geesthang. 2/3 der damaligen Eismassen sind bis heute abgeschmolzen. In der Arktis und vor allem in der Antarktis liegen noch gefrorene Eismassen vor, für einen weiteren Meeresspiegelanstieg von 60 Metern.

Aber schon heute macht sich der Meeresspiegelanstieg bemerkt. Schauen wir nach Bangladesch. Mehr als 160 Millionen Menschen leben dort auf einem Gebiet, das etwa 40% der Fläche Deutschlands entspricht. Das Land ist eines der Staaten, die weltweit am heftigsten von der Klimaveränderung betroffen sind. Der dritte Bericht des IPCC schätzt: Bereits der Anstieg des Meeresspiegels um 45 cm würde dazu führen, das in Bangladesch 5,5 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen, 10,9% der Fläche des Landes würden verloren gehen.

Überschwemmungen sind in Bangladesch nichts Ungewöhnliches. Hunderte Wasserläufe durchziehen das Land, darunter drei große Flüsse: der Ganges, der Meghna und der Brahmaputra. 92% des Wassers kommen aus Tibet, Bhutan, Indien und Nepal. Vor allem zu Zeiten das Monsums gelangen riesige Wassermassen ins Land – und überfluten im Durchschnitt ein Drittel des Landes. Die Menschen haben gelernt, damit umzugehen. Aber die globale Erwärmung bringt das ganze Schema durcheinander. Weil die Niederschläge während des Monsums zunehmen, muss immer mehr Wasser ins Meer fließen. Das werde aber immer schwieriger, weil ja der Meeresspiegel ansteigt.

Doch das ist nicht alles. Die Niederschläge außerhalb der Monsumphasen werden erheblich geringer, die Temperaturen steigen aber. Im Nordwesten des Landes drohen deshalb Dürreperioden. Das wird bedeuten, das die Flüsse in diesen Zeiten weniger Wasser führen und das von den Küsten eindringende Salzwasser noch weniger aufgehalten werden kann. Angeschoben von den Gezeiten, würde das Salzwasser immer weiter nach Norden vordringen und die Felder und das Grundwasser versalzen.

In den Küstenregionen kann auf großen Flächen deshalb schon heute kein Reis mehr angebaut werden. Man ist deshalb auf die Zucht von Garneelen für den Export ausgewichen. Aber die Garneelenzucht bietet nicht mehr so vielen Menschen Arbeit und Nahrung wie der Reisanbau. Deshalb treibt es viele Menschen in die Hauptstadt Dhaka. In der Megastadt leben 15 Millionen Menschen. Die Hauptstadt von Bangladesch zählt zu den zehn größten Städten der Welt. Das Wachstum vollzog sich in den vergangenen Jahren in einem weltweit einmaligen Tempo. Die Hauptstadt Dhaka ist selbst von starken Überschwemmungen bedroht. Wohin sollen die Menschen fliehen?

Der Klimawandel ist als kritischer Faktor dabei der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bring. Dabei verursacht das Land nur 0,3 bis 0,4 Prozent des weltweiten Ausstoßes von Klimagasen. Weniger als New York. Natürlich muss auch Bangladesch seine eigenen Emissionen verringern, das ist moralische Pflicht. Wenn aber der Rest der Welt nichts tut und es eine riesige humanitäre Katastrophe gibt – wer muss am Ende die Verantwortung übernehmen?

Als Ausweg aus dieser globalen Ungerechtigkeit gibt es folgenden Vorschlag aus Bangladesch: Jedes Land sollte sich um einen bestimmten Anteil der Klimaflüchtlinge kümmern. Ihre Reise organisieren und sie aufnehmen. Die Quote würde von der Menge der Treibhausgasemissionen des jeweiligen Landes abhängen – jetzt und in der Vergangenheit. Vielleicht könnte sich dieser Vorschlag sogar auf die Genfer Konvention aus dem Jahr 1951 stützen, wenn der Flüchtlingsstatus, wie er dort definiert ist, auch Klimaflüchtlingen zugestanden würde. Ein spannender Gedankenabsatz.

Zwischen 2006 und 2011 verzeichnete Syrien die längste Dürreperiode und die größten Ernteverluste seit den frühesten Zivilisationen im „fruchtbaren Halbmond“, jenem Winterregengebiet, das sich von Israel bis in den Südwesten des Iran erstreckt, und in dem die Menschen vor mehreren tausend Jahren anfingen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben.

Von den 22 Millionen Einwohnern, die Syrien 2009 hatte, waren fast eineinhalb Millionen von der fortschreitenden Wüstenbildung betroffen. Die Folge war eine massive Landflucht von Bauern, Viehzüchtern und deren Familien. Der Exodus verschärfte die sozialen Spannungen, die durch den Zustrom irakischer Flüchtlinge nach der US-Invasion im Jahr 2003 im Irak entstanden waren. Dieses Zusammenspiel von wirtschaftlichen, sozialen, klimatischen und ökologischen Veränderungen hat den Gesellschaftsvertrag zwischen Bürgern und der Regierung untergraben, die Oppositionsbewegungen wachgerufen und die Legitimität der Assad-Regierung untergraben.

Diese anhaltende Dürre in Syrien ist nicht allein durch natürliche Klimaschwankungen zu erklären. Die beobachtete Trockenheit und Erwärmung passt zu Klimamodellen, durch die Auswirkungen des Anstiegs von Treibhausgasen.

Im Osten Chinas hatte die Regierung im Winter 2010/2011 wegen ausbleibender Niederschläge und zahlreicher Sandstürme sogar Raketen abfeuern lassen, in der Hoffnung, damit Regen auslösen zu können. Es war eine Dürreperiode, die Dominoeffekte bis weit jenseits der Landesgrenzen auslöste. Die Ernteausfälle zwangen Peking, auf den internationalen Märkten Weizen zu kaufen.

Der folgende Anstieg der Weizenpreise gab dem Volkszorn im größten Weizenimportland, Ägypten, neue Nahrung, wo der durchschnittliche Haushalt mehr als ein Drittel seines Einkommens für Essen aufwenden muss. Die Verdopplung des Preises für eine Tonne Weizen innerhalb von 9 Monaten – von 157 Dollar im Juni 2010 auf 326 Dollar im Februar 2011 – hatte schwerwiegende Folgen. Der Brotpreis verdreifachte sich, und damit verstärkten sich auch die Proteste gegen das autoritäre Mubarak-Regime. Zur gleichen Zeit waren die Weizen-, Soja- und Maisernten auf der südlichen Erdhalbkugel von starker Trockenheit in Argentinien und sintflutartigen Regenfällen in Australien betroffen.

Der Klimawandel ist ein „Bedrohungsverstärker“ geworden, und er verändert die internationalen Beziehungen. Auf die „hard security“, das Erbe des Kalten Krieges, folgt jetzt die „natural security“, ein Begriff, den US-Offiziere im „Center for a New American Security“ geprägt haben. Dieser Think Tank wurde 2007 gegründet, um den neokonservativen Klimaskeptikern etwas entgegen zu setzen und heraufziehende globale Bedrohungen frühzeitig zu erkennen.

Wenn es eine Institution gibt, die den Klimawandel überaus ernst nimmt, dann ist das die US- Army. Ganz egal, wie ignorant die Klimadebatte in den USA sonst verlaufen mag, das US-Militär geht seit vielen Jahren davon aus, das der anthropogene Klimawandel eine Tatsache ist, dass er weitreichende sicherheitspolitische Auswirkungen hat und dass sich die US-Streitkräfte darauf vorbereiten müssen. Die Szenarien reichen von kriegerischen Großkonflikten im Nahen Osten wegen Wassermangels bis zu ganz alltäglichen Ausrüstungsfragen. Mensch und Material, Transport und Waffensysteme müssen nämlich unter viel schwierigeren Bedingungen zuverlässig funktionieren.

Wichtige US-Basen, wie etwa die größte Marinebasis in Norfolk, Virginia, müssen mit Superstürmen und Überflutungen rechnen, was die Einsatzfähigkeit der US-Streitkräfte teilweise in Frage stellen würde. Wie trifft man Vorsorge? Den Klimawandel stoppen? Zudem werden die US-Streitkräfte womöglich auch in ganz anderem Umfang bei der Katastrophenhilfe gefordert sein – von Waldbränden bis zu Flutkatastrophen durch Hurrikane, wie in New Orleans oder im letzten Jahr in Texas, wo auch große Ölraffinerien unter Wasser standen und die Treibstoffproduktion eingestellt werden musste.

Umweltwissenschaftler haben 2009 die erste Gesamtanalyse möglicher Auswirkungen des Klimawandels auf Kriege in Afrika südlich der Sahara vorgelegt. Sie arbeiteten eine Verbindung zwischen Bürgerkriegen, steigenden Temperaturen und zurückgehenden Niederschlägen heraus und prognostizierten eine deutliche Zunahme bewaffneter Konflikte durch den Klimawandel.

Der Andrang der Flüchtlinge an den Grenzen der Wohlstandsinsel Europa wird sich im 21. Jahrhundert noch verstärken. Schon jetzt sind mindestens so viele Menschen auf der Flucht vor den Folgen von Umweltzerstörung und Klimaveränderung wie vor Gewalt und Kriegen.

"Wir müssen unsere Heimat schützen."

 

Quellen:

„Kongress findet Kompromiss für US-Haushalt“ ZEIT-ONLINE 23.03.2018

Edition le monde diplomatique „Warmzeit“ Klima, Mensch und Erde,

Auszüge aus folgenden Beiträgen:

„Die Entdeckung des warmen Himmels“

„Die Eismassen reagieren langsam, aber unaufhaltsam“

„Dürre und Gewalt“

„Die versalzenen Felder von Bangladesch“